Speck

Früher, als ich ein bisschen mehr Geld hatte, und nicht arm wie eine Kirchenmaus war – wie man so sagt, kaufte ich stets neue Bücher und keine gebrauchten. Oftmals las ich diese Bücher dann gar nicht. Sie kamen in irgendwelche Kisten, weil ich kein Bücherregal hatte. Home is where the books are. Dann kaufte ich gebrauchte Bücher. Ich kaufte sie gebraucht in Läden oder online und ich kaufte sehr viele. Heute kaufe ich meist gebrauchte Bücher und keine neuen, aber viel seltenener. Es ist ja kein Geld da. Fast nie ist Geld.

Heute las ich über eine US-amerikanische dunkelhäutige Frau, die Trump-Supporterin ist. Sie begründete ihre Unterstützung für Trump damit, dass illegale Immigranten den armen “African Americans“ die Arbeitsplätze im Niedrig-Lohn-Sektor wegnehmen und sie deshalb Trump unterstützt, der sich gegen illegale Immigration in die USA einsetzen möchte. Jemand schrieb einen Kommentar. So etwas wie: “Dann sollen die African Americans, die schon hier sind, fleißiger arbeiten und gutbezahlte Jobs bekommen.“ Das ist natürlich einfach gesagt. Erstens Mal ist es in der Regel schwerer einen gutbezahlten Job als African American zu bekommen, wenn man aus dem “Ghetto“ kommt. Der falsche Name und die falsche Adresse und schon haben Arbeitgeber Vorurteile. Nicht jeder kommt aus einer Mittelklasse- oder Oberschichts-Familie. Manche haben es schwerer. Desweiteren ist es doch so, dass Kinder armer Eltern in jedem Land benachteiligt werden und Bildung kostet Geld und viele Kinder brauchen auch Unterstützung durch die Eltern, die sie als Kinder armer Eltern so nicht bekommen. Die Kinder reicher Eltern – oder zumindest da, wo genug Geld da ist- bekommen Nachhilfe-Unterricht und werden gefördert. Da ist die Erwartungshaltung auch eine ganz andere. “Natürlich gehst du aufs College.“, während es in einer armen Familie eher lautet: “Niemand in unserer Familie war je auf dem College.“ Zweitens gibt es natürlich immer noch Rassismus. Wenn es aber African Americans gibt, wenn es Arme unabhängig von Hautfarbe und Herkunft gibt, die Trump unterstützen, bedeutet das doch auch, dass Klassismus noch allgegenwärtig ist und zu wenig dafür getan wird, damit die Kinder der Armen und Ärmeren die gleichen Chancen haben. Das ist nicht anders in Deutschland oder in anderen Teilen der Welt. Das ist überall gleich. Geld regiert die Welt nun mal. Die Ansichten der Trump-Unterstützerin lassen sich gut auf Deutschland übertragen. Nicht jeder hat Geld, nicht jeder hat Eltern die Geld haben, nicht jeder hat ein Elternhaus, das Wert auf Bildung legt, nicht jeder entwickelt Eigenverantwortung und Ehrgeiz ohne Unterstützung und nur weil man in Deutschland geboren und/oder aufgewachsen ist, heißt das nicht, dass man die gleichen Chancen hatte wie jemand, der aus einem guten Elternhaus kommt. Das hat sich gut bei der “Flüchtlings-Debatte“ gezeigt, wenn die “Guten‘ ganz laut schreien, dass dich die “Chantals und Kevins“ und “Ossis“ mal nicht so anstellen sollen. “Die hätten sich ja vielleicht in der Schule mehr anstregen sollen ha ha.“ Das ist vielleicht nicht so einfach, wenn man nicht im Einfamilienhaus mit Garten und Sportverein und Musikunterricht aufwächst und stattdessen mit einem Vater, der Alkoholiker ist oder vielleicht ist es die Mutter oder vielleicht muss man ins Heim. Was sind denn so die gängigen Klischees, die man über Menschen hat, die im Plattenbau wohnen und Hartz-IV beziehen? Hat mit 25 fünf Kinder, Vaterschaft nicht bei allen Kindern geklärt, Kinder essen am Monatsende trockenes Toastbrot, weil Chantal ihr Geld lieber für Zigaretten und Gelnägel ausgibt. Dann soll aus diesen fünf Kindern etwas “Vernünftiges“ werden? Die sollen dann auch so wie Malte, Marie, Jonathan, Luisa und Julia etwas “Vernünftiges“ studieren und wenn “Kreativ“, dann bitte nicht wilder als Geisteswissenschaften oder so etwas wie Kommunikationswissenschaften. Damit bekommt man ja auch noch einen vernünftigen Job und verdient gut und kann sich ein Auto leisten und Urlaub und teuren Käse und teuren Schinken und Antipasti aus der Feinkost-Abteilung und schöne Kleidung und Schmuck und all die Dinge, die man eben so machen, besitzen sollte. Natürlich haben es die armen Kinder viel schwerer und es ist leicht gesagt für Malte, Marie, Jonathan, Luisa und Julia und die anderen. Auch Migrantenkinder mit armen Eltern haben es schwerer. Die Eltern müssen ja nicht Chantal und Kevin heißen. Die Eltern können auch ausländisch-klingende Namen haben, aber die Geschichte ist eine ähnliche, wenn nicht so viel Geld da ist. Diese Menschen mit “Migrationshintergrund“ können genauso Angst haben vor zum Beispiel Flüchtlingen. Wer arbeiten geht und 8,50 Euro die Stunde bekommt, hat nun mal eher Angst, dass er bald vielleicht nur noch 7,00 Euro bekommt, weil jetzt junge, kräftige Männer mit Smartphones kommen wie das in den Medien gezeigt wird. Jemand mit 12 Euro die Stunde und mehr stört sich nicht daran, dass es etwas weniger sein könnte. Man hat doch alles, was man braucht. Eine teure Jeans weniger ist doch kein Weltuntergang, oder? Auf die Sorgen der Armen und der Arbeiter wird nicht gehört. Stattdessen lässt man die Maltes, Maries, Jonathans, Luisas und Julias plärren oder taxifahrende Journalisten, die in ihren gentrifizierten Wohnungen ihren teuren Käse und Schinken essen und dazu noch ein gutes Glas Wein und vielleicht noch ein netter Plausch mit den Journalistenkollegen. Die reichen westlichen Länder sind nicht sozial genug. Dass heute noch Kinder geboren werden, die nicht die gleichen Chancen wie die Maltes, Maries, Jonathans, Luisas und Julias aus der Vorstadt oder aus dem guten Viertel bekommen, angeboten bekommen, ist eine ganz große Ungerechtigkeit, denn diese Kinder brauchen eben etwas mehr Unterstützung. Dass heute noch Kinder in Deutschland, Kinder mit deutschen Eltern, arme Kinder mit ausländischen Eltern, arme Kinder mit ausländischen Wurzeln in zweiter und dritter usw. Generation hungrig in die Schule gehen und kein Frühstück oder Mitagessen bekommen, dass es keinen freien Nachhilfe-Unterricht flächendeckend in Deutschland gibt, dass es nicht in jeder Stadt, in jeder Kleinstadt, kostenlose Freizeitangebote nach der Schule gibt wie Jugendclubs oder kostenlose Sportangebote, ist eine ganz große Ungerechtigkeit. Deutschland hat es versäumt sich genügend um die Armen zu kümmern, um die Abgehängten. Das zeigt die Ignoranz der meisten Politiker auf. Jetzt räumen die Politiker zumindest bei den Flüchtlingen “Fehler“ ein. Man hätte ja das und das ja so machen können… vielleicht… ja, das wäre schon besser gewesen. Was einem jeder sagen kann, der nicht völlig verblödet ist, geben sie jetzt zu. Wie großzügig von ihnen. “Ja, als die Italiener und Griechen uns um Hilfe baten, ja, da hätten wir ihnen vielleicht helfen und nicht sagen sollen, dass ihr das schon alleine schafft hi hi und dass euer Problem ist und ja, das war schon nicht so gut, dass wir dann, als die Flüchtlinge zu uns kamen, gesagt haben, dass die Osteuropäer voll böse sind, weil sie gesagt haben, dass wir das schon schaffen und das unser Problem ist, aber bei westlichen Nationen oder bei den reichen Arabern, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, haben wir nichts gesagt. Nein, heuchlerisch ist das keinesfalls. Wir haben das doch nicht gewusst. Wir haben doch nichts davon gewust lautet das altbekannte Credo in der Nichtwisser-Nation-Deutschland. Ja, wäre schon irgendwie besser gewesen, wenn wir mehr Geld an Flüchtlings-Camps in der Nähe der Krisengebiete gezahlt hätten statt es zu streichen, aber es konnte ja keiner ahnen, dass die dann alle zu uns kommen. Keiner hätte das ahnen können. Ich mein, das ist ja voll weit weg und so. Dass die Südeuropäer uns gewarnt und um Hilfe gebeten haben und wir das ignoriert haben ha ha, jeder macht mal Fehler, oder? Ich bekomme ja auch nur tausende von Euros an Diäten und eine saftige Pension dafür, dass ich meine Arbeit eher schlecht als recht mache, aber der Wahlkampf ist auch stressig genug. Da muss ich mich dann ja erst mal von ausruhen und so. Ich kann ja gar nicht oft genug in mein Ferienhaus fahren wie ich das gerne hätte. Wir Politiker leben ja auch nicht nur wie die Made im Speck. Falls Sie aber mal eine Empfehlung für einen ganz ausgezeichneten italienischen Speck haben wollen- in der Nähe unserer Ferienhauses gibt es einen Schweinezüchter. Ganz hervorrangender Speck. Ganz hervorragend. Wo war ich stehen geblieben?“ Kompetent Politik machen geht anders.

Den armen Kindern und Migrantenkindern sagt man, dass sie ja hätten Karriere machen können. Warum haben Sie nichts Vernünftiges gelernt? Das sagt man seit der “Flüchtlingskrise“. Viele haben. Viele haben “vernünftige“ Jobs. Viele verdienen ganz gut. Was mir die “Flüchtlingskrise“ aber auch gezeigt hat – Deutschland ist eine “Leistungsgesellschaft“. Deutschland und andere Industrie-Nationen. Noch mehr als gedacht. Karierre, eine schöne Wohnung, am besten ein Eigenheim, Autos oder vielleicht kein Auto für den progressiven Großstädter, der Taxi fährt und mal U-Bahn, wenn es sein muss und ein netter Urlaub und schöne Kleidung- das gehört dazu. Das ist ein Muss. Wer das nicht erreicht hat, muss ja ein Versager sein? Irgendetwas stimmt da nicht, denn Karriere ist doch so wichtig? Das ist doch Selbstverwirklichung? Dadurch bekommt man Anerkennung. Dadurch setzt man sich von den anderen ab, denn da ist doch immer Konkurrenz: Wer hat mehr, wer verdient mehr, wer ist erfolgreicher, schöner, schlanker oder durchtrainierter, jünger und erfolgreicher, hat das besser ausgestattete, teurere Auto, das bessere Smartphone, die größere Wohnung im durchgentrifiziertem “In-Viertel“, fährt in den exklusiveren Urlaub und lädt die imposanteren Bilder von seinem Urlaub bei den Social Media mit dem besseren Filter hoch und dann stachelt man sich gegenseitig an, ist neidisch, weil Malte schon wieder auf den Malediven war und man selbst nur in Europa. Wie peinlich! Oh nein! Der nächste Urlaub muss aber ein bisschen mehr hermachen, damit man ihn online für seine Peergroup besser präsentieren kann oder am besten kauft man sich etwas ganz Teures, jetzt sofort, und postet das online und dann ist alles gut. Außerdem ist man selbst doch schlanker als Maltes Freundin. Die sieht im Bikini schon etwas speckig aus und man selbst ist schön schlank, der teure Detoxtea lohnt sich also, und Jonathan hat auch den besseren Job als Malte und ist somit die bessere Partie. Alles gut. Alles wieder gut. Morgen wird man den Chef um eine Gehaltserhöhung bitten.

Ich brauche keine Karriere oder Statussymbole. Es ist mir egal, was die Erfolgreichen über mich denken. Ich möchte mich nicht mit dem Chef gut stellen, weil das karriereförderlich ist. Ich möchte ihm sagen können, dass er oder sie ein Idiot ist, wenn ich das denke, und dann soll er mir fristlos kündigen oder ich kündige und dann gibt es eben für den Rest des Monats weniger zu essen, bis ich etwas Neues habe. Ich brauche nicht viel Geld. Ich brauche ein bisschen und ein Dach über dem Kopf und ein Bett oder eine Matratze auf dem Boden und Platz für meine Bücher, meine neuen und gebrauchten Bücher, und ich möchte nicht zu viel arbeiten, weil ich mich lieber mit anderen Dingen beschäftige. Ich möchte Gedichte lesen oder Bücher, Musik hören. Ich möchte mit Obdachlosen am Bahnhof billiges Bier trinken und mit Punks “Fick das System“ schreien, ich möchte viel Freiheit und Freizeit, ich möchte mich nicht für einen Betrieb aufopfern und mich hocharbeiten müssen und irgendjemand ist neidisch auf mich und gibt sich jetzt doppelt so viel Mühe und ist beim Chef doppelt so charmant. Nein, ich möchte lieber im Park sitzen und Wein trinken. Ich möchte mich nicht mit meinen langweiligen Arbeitskollegen über ihre Wohnung und ihr Auto und ihre teure Kleidung und ihren Urlaub und ihr Burn-Out und Stress und auf wen neidisch sind und die Generation Y und langweilige Bücher und Artikel unterhalten und warum sie Hippies hassen, die Freiwilligenarbeit in Afrika machen und warum Fair-Trade ein Mythos ist – oder man hat sich damt einfach noch nicht beschäftigt: “Keine Zeit“ und hat sich auch nie Gedanken über sein Konsumverhalten gemacht und kauft und kauft und kauft, denn man hat es ja. Man kauft. Warenfetischismus. Das ist eben so. Ich aber möchte nicht ständig kaufen, kaufen, kaufen. Ich möchte nicht in skrupellosen, profitgierigen Konzernen ausgebeutet werden und dafür sorgen, dass andere, noch Ärmere, noch mehr als ohnehin schon ausgebeutet werden. Ich möchte nicht an gläserene Decken stoßen. Ich möchte herumhängen und tagträumen. Ich möchte ein Slacker ein. Ich bin ein Slacker. Ich bin ein Faultier in Menschenform und das ist auch gut so. Ich bin Peter Pan 2.0 und will nicht erwachsen werden. Ich übe mich in Arbeitsverweigerung – so gut wie es geht, denn ohne geht’s ja leider auch nicht. Ein bisschen Essen, eine Bleibe und hin und wieder mal eine Reise oder ein gutes Buch oder 60 Euro für die BVG oder sonst so – das reicht. Ich brauche keinen Speck, ich möchte keinen.

(Ich weiß: Wenn man Kinder hat, kann man sich das dann schon wieder nicht erlauben.)

Ich bin dafür den Armen und Bedürftigen zu helfen, Flüchtlingen zu helfen und allen anderen und dafür, dass unsere Gesellschaft sozialer wird und bin für Slackertum für jeden, der ein Slacker sein möchte. Ich bin nicht Generation Produktiv. Ich bin Generation Ausschlafen. Ich bin kein Yuppie, ich bin ein bisschen Hippie, ein bisschen Punk. Ich bin verträumt, immer knapp bei Kasse, aber wir können uns gerne vormittags unter der Woche im Park treffen und spazieren gehen. Ich bin von der Hand in den Mund und arbeiten, damit man gerade so über die Runden kommt und nicht hungern muss. Nicht Generation Y, ich bin Generation Nap und eigentlich mag ich auch gar keine Texte über Generationen, aber ich lese sie dann ja doch.

Möchte man Protestwähler sein/werden, weil man niemand mehr für wählbar hält – bitte nicht AfD wählen. Es gibt immer noch Alternativen. Es gibt unzählige Kleinparteien in Deutschland. Oder zur Not “Die Partei“.

Advertisements

Staatsfrauisch

Die Moderatorin in der ARD sagt zum Moderator: “Werden sich Trump und Clinton staatsmännisch geben, oder hm, staatsmännisch, wie heißt das bei Frauen, äh, staatsfrauisch?“

Und ich trinke gerade Tee und hebe meine Tasse und sage: “Ich stoße an auf dich, hm, wie sagt man auf Deutsch, womanhood?“ Cheers to you, Weiblichkeit, für die es kein Wort für staatsmännisch gibt.

Französischer Jungautor

Édouard Louis, geboren als Eddy Bellegueule (* 30. Oktober 1992 in der Nähe von Amiens, Picardie, Frankreich), ist ein französischer Schriftsteller und Student, der in Frankreich mit seinem Debütroman einen Bestseller landete. Das Buch ist auch auf Deutsch erschienen.

Leben und Wirken

Louis, 1992 als Eddy Bellegueule geboren, entstammt einfachen, schwierigen Verhältnissen und wuchs in einer kleinen Ortschaft in der Picardie auf. Schon als Kind erfuhr er aufgrund seiner latenten Homosexualität immer wieder Diskriminierung, Mobbing und Gewalt

(Quelle: Natürlich Wikipedia)

Es geht auch ohne gutbürgerliches Elternaus, Leipzig und Hildesheim, wenn man Franzose ist.

Ein anderer französischer Jungautor arbeitete als Kellner.

Jungautoren

Ich lese über Jungautoren.

Die Biographien sind ähnlich, zu ähnlich.
Studiert/e oder studierte in Hildesheim oder Leipzig
Studiert/e irgendetwas Geisteswissenschaftliches                                                                 Gutbürgerlich
usw.

Studieren ist ja schön und gut und natürlich soll es Bücher von den oben erwähnten Menschen geben, aber doch nicht nur. Was ist schon Schulbildung, wenn man sich de Biographie eines Mannes wie André Stern ansieht. Ich selbst möchte mehr von Schriftstellern aus der “Schule des Lebens“ lesen. Jemand, der wusste, dass er oder sie Schrifsteller/Schriftstellerin “ist“ und schreiben möchte, muss oder vielleicht ist derjenige auch nur jemand, der so viel zu erzählen hat und derjenige begreift sich gar nicht als Schriftsteller oder Schriftstellerin und möchte nur Geschichten erzählen, weil er oder sie so viel zu erzählen hat. Er oder sie muss das Schreiben aber nicht erst erlernen, nicht erst “die richtigen Kontakte“ haben. Braucht nicht eine Klasse und Dozenten, die sagen: “Ja, das ist gut.“ oder “Überarbeite das doch mal.“ oder “Streich diese Stelle.“ Das weiß und das fühlt man doch. Das kann man. Man schreibt nicht für die anderen, man schreibt, weil man möchte, muss. Möchte, muss. Es ist wie eine Gabe. Ein Kind lernt schreiben und ob es dann das Schreiben als Handwerk sieht oder nur Mittel zum Zweck, das zeigt, ob das Kind oder später der Erwachsene ein Autor ist oder nur jemand, der schreibt, um mit anderen zu korrespondieren. Viele Autoren haben nicht das Schreiben studiert. Sie haben studiert oder gearbeitet und nebenher geschrieben und das sind die, die ich viel lieber mag. Warum soll man das Schreiben lernen, wenn man doch lernen muss, die Sinne zu schärfen, Erfahrungen zu sammeln? Wer möchte etwas lesen von jemand frisch von der Schreibschule, wenn man doch von jemand lesen kann, der die Schule des Lebens besucht? Ein Maler muss doch nicht zwingend zur Kunstschule. Waren van Gogh, Courbet, Cézanne waren an Kunstschulen?

Die deutsche “Literaturszene“ fabriziert einen ganz schönen Einheitsbrei und feiert ihre geistigen Kinder. Das ist ein exklusiver Kreis und die wahre Erzählkunst bleibt oft auf der Strecke, wenn man zu vielen Stimmen gehört zu werden verwehrt. Es schreiben immer die gleichen. Kinder aus der gehobenen Mittelschicht oder unteren Oberschicht. Ganz fein und adrett, gutbürgerlich, akademisch mit den gleichen Lebensentwürfen und Vorstellungen, den gleichen Erfahrungen und Denkweisen. Ein bisschen fad ist das Ganze. Uninspirierend. Es soll auch solche Autoren geben und ich möchte auch gerne von ihnen lesen, aber doch nicht nur. Wenigstens gibt es noch ab und an ein bisschen “deutsche Migrantenliteratur“, die den Laden zumindest ein bisschen aufmischt. Es wäre doch schön, wenn junge Literatur auch wieder mehr Kinder und Jugendliche begeistern könnte und sie zu Lesern und aktiven Schreibern macht und nicht nur “Smombies“, aber wer möchte schon das hunderste, von Verlag und und alternden Männern im Feuilleton hochgepushte, mittelmäßige Buch eines gutbürgerlichen Autors oder Autorin über “Wohlstandsverwahrlosung“ in einer deutschen Großststadt oder von Großstädtern, die aufs Land fahren  und dorthin die “Wohlstandsverwahrlosung“ hintransportieren, lesen? (Ich möchte das auch lesen, aber lieber fünf gute Bücher statt 50 mittelmäßige bis schlechte. So schwer kann es doch nicht sein talentierte Schreiber zu finden, die das wirklich draufhaben und auch etwas zu sagen haben und es klingt nicht nur wie “Weisheiten“ aus der Fernsehzeitschrift und von Twitter und aus Literatur-Klassikern zusammengeklaut?) Das langweilt mich als Leser enorm und ich lese lieber ausländische oder alte Bücher.

Ich habe noch nie etwas von Benedict Wells gelesen, aber ich sollte. Das ist ein Schriftsteller.
“2003 (mit 19) zog er nach Berlin, wo er sich gegen ein Studium entschied, um schreiben zu können. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Gelegenheitsjobs.“
So möchte ich das als Leser. Mehr davon.

Deshalb mag ich auch jemand “Authentisches“ wie Stefanie Sargnagel.

Man muss auch nicht mal nach Berlin ziehen. Die goldenen Zeiten Berlins sind zumindest derzeit vorbei. Ich habe mal eine Dokumentation über junge Menschen um die 20, 30 gesehen, die sich bewusst dagegen entscheiden in die Großstädte zu ziehen und auf dem Land bleiben. Diese Menschen waren keinesfalls “weltfremde Landeier“. Sie waren unfassbar interessant. Man muss nicht in eine Großstadt ziehen, um zu schreiben. Schreibt.

Die deutsche “Literaturszene“ ist aber nicht nur furchtbar. Für den deutschen Buchpreis 2016 scheinen einige ganz gute Bücher nominiert worden zu sein und die Jury besteht, meiner Meinung nach, auch nicht nur aus aufgeblasenen Wichtigtuern- welch Seltenheit im deutschen “Kulturbetrieb“. Wer hätte das gedacht. Die Biographien der Autoren habe ich mir aber noch nicht angesehen. Das ist vielleicht auch besser so.

books

Mit Schorschi in der Pinte

Junge, Junge, bin ich verkatert. Ich war gestern noch mit meinem Kumpel Schorschi in der Pinte in Schöneweide einen heben mit unseren Skatbrüdern. Schorschi trug wie immer seine alte Uniform. Er hat’s natürlich mal wieder übertrieben mit dem Gesaufe und war voll wie eine Haubitze. Hat die ganze Zeit nur gelallt und von der Bundeswehr geredet. Ich kann diese ganzen Angebergeschichten echt nicht mehr hören, aber wir sind Skatbrüder und da verzeihe ich ihm seine Macken. Wenn er aber noch einmal erzählt, wie er sich das Ohr mit der Schrotflinte bei einer Mutprobe abgeschossen hat und selbst wieder drangenäht hat, während er auf einem Bullen ritt, dann reicht’s mir und dieses Mal wirklich. Das ist nur mit ordentlich viel Schnaps zu ertragen. Weiter im Text. Die Pinte füllte sich so langsam und es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Da steppte echt der Bär in Berlin und so. Schorschi versucht sich auf einen Barhocker zu setzen und fällt erst mal runter, öffnet seine Hose und pinkelt vor versammelter Mannschaft auf den Boden. Der Wirt sieht ihn mit offenem Mund an. Das war vielleicht peinlich. Da kommen so ein paar Typen auf ihn zu und sagen: “Ey, was machst du da?“ Schorschi guckt zu ihnen auf und sagt: “Pissen, Alter.“ “Das geht so nicht.“, sagt einer. “Geh aufs Klo, du Asi.“ Sie haben Glatzen und Tattoos. Schorschi mustert die Männer. “Was wollt ihr denn von mir? Wir müssen zusammenhalten.“. sagt er. Die Männer sehen ihn verwirrt an. “Wer ist wir?“, sagt einer. “Wir“, wiederholt Schorschi. Etwas Sabber läuft ihm aus dem Mund. Er steht auf, versucht im Stechschritt zu laufen, fällt auf den Hosenboden und bekommt Schluckauf. “AfD find ich voll okay. Hicks.“, lallt er. Er pinkelt wieder. “Jetzt reicht’s aber mal.“, brüllt einer der Männer und packt ihm an Kragen. “Ich bin bei der AfD. Ich bin auf eurer Seite.“, lallt Schorschi. “Hä? AfD?“ Die Männer werden sauer und wollen ihn verprügeln. Der doofe Schorschi hat Rocker von einem Motorradclub mit Nazis verwechselt. Ich schäme mich ein bisschen für ihn, aber das ist ja nichts Neues bei Schorschi, diesem Draufgänger. Die Rocker mischen ihn ordentlich auf. Einer schnappt sich seinen Geldbeutel und holt seinen Personalausweis heraus. “Georg Pazderski“ liest er laut vor. “Das soll ein deutscher Name sein?“ Die Männer lachen. Schorschi hat auch noch ein Bild von Jane Fonda in Aerobic-Montur. Die Männer raunen wegen Ms Fonda und werfen Schorschi dann an die Zimmerlampe. Er hängt mit seinen Hosenträgern dran. Schorschi stimmt zu einem Bundeswehrlied an. Ich bestelle mir noch ’n Schnaps.

Stop trying to make fetch happen

Es gab eine Zeit in Berlin (und Deutschland), in der es viele “Jungschauspieler“ gab. Robert Stadlober, Tom Schilling, Jessica Schwarz, Daniel Brühl, Jana Pallaske, Karoline Herfurth, Matthias Schweighöfer, Heike Makatsch, Anna Maria Mühe, Franka Potente, August Diehl, Tobias Schenke, Karoline Herfurth, Julia Hummer, Felicitas Woll, Florian Lukas, Ken Duken, Diana Amft, Moritz Bleibtreu, Barnaby Metschurat, Jürgen Vogel und so weiter und das waren “deutsche Filmstars“ und der deutsche Film war nicht so Til-Schweiger-macht-viele-langweilige-Filme und alle-sind-in-Elyas M’Barek-verliebt- lastig.

Ich möchte, dass Schauspieler wieder Stars sind und “cool“ und auf eine “urbane Art“ glamourös. Das hat Berlin auch so viel cooler gemacht.

Die langweiligen deutschen Medien wollen seit einiger Zeit langweilige Journalisten (oder langweilige Buchautoren und Buchautorinnen und Blogger) cool machen, sie wollen langweilige Journalisten zur “geistigen Elite Deutschlands“ erklären (Erfolgsmethode: Wer am lautesten brüllt, wird am besten gehört.), aber ich falle nicht auf euer hohles Gerede herein. Das ist wie bei “Mean Girls“: Stop trying to make fetch happen.

(Auch da gibt es natürlich Ausnahmen und nicht alle sind “Langweiler“.)

Ich möchte wieder schöne und coole Schauspieler haben und die langweiligen “Kultur“- Journalisten sollen ihre langweiligen Artikelchen schreiben und das war’s. Wir haben auch mehr als genug langweilige Bücher von Journalisten (die nach Berlin gezogen sind. Gähn gähn).

Wir brauchen Schauspieler für die Nonchalance und Schönheit und Philosophen und Denker, damit diese Zeit der Anti-Intellektualität und des Shitstorm-“Journalismus“ endlich aufhört. Wir brauchen keine Phrasendrescher und peinlichen Langweiler. (Schöne Philosophen und nicht so schöne Schauspieler – das ist relativ. Jeder ist auf eine Art schön und hässlich- geht natürlich auch.)

Ich möchte in eine Bar gehen und ein schöner, stilvoll gekleideter (aber nicht stilvoll bemühter) Robert-Stadlober-Verschnitt bekannt aus einem deutschem “Indie-Film“ fragt mich nach einer Zigarette und ich sage scherzhaft: “Verdienst du nicht genug beim Film?“ und er lacht und es ist Sommer und es ist eine Bar wie die Bar25 und Berlin ist wieder “cool“ und es sind nicht alle nach Leipzig oder ins Ausland oder aufs Land gezogen, weil in Berlin “rien ne va plus“.

Straßenkatze zu Besuch in Mitte

Ich bin leider in Mitte. Natürlich kenne ich mich hier, in diesem Höllenschlund, nicht aus – ich trinke einen Kirsch-Maracuja (oder was auch immer)-Saft für an die 5 Euro, sitze draußen in einem Café in der Sonne und benutze das Wlan. Die Sonne scheint selbst über Mitte. Wer hätte das gedacht.

Eine junge Frau: “Ja, also eigentlich bin ich ja in Berlin geboren.“ Pause. Das muss man wohl erst mal sacken lassen. Ein junger Mann sieht sie begeistert an: “Echt?“, sagt er.

Sie, stolz: “Ja. Es ist halt nur so, dass voll viele in Berlin in Berlin geboren sind. Dann ist da ja auch nichts Besonderes mehr dran, wenn das so viele sind. Etwas ist ja nur speziell, wenn es nicht auf viele zutrifft.“ Wieder Pause. Sie denkt, dass sie etwas Kluges gesagt hat und auch das muss man erst mal sacken lassen. Der Mann sieht sie wieder begeistert an. Er legt den Kopf schief, denkt nach, lächelt. Na sowas. In Berlin geboren? Und dann noch so klug? Sagt so kluge Worte? Er sieht wirklich restlos begeistert aus.

“Damit kann ich nur Leute beeindrucken, die nicht in Berlin geboren worden sind.“, sagt die junge Frau. “Ich meine, ich habe ja auch über 20 Jahre nicht in Berlin gewohnt.“ Sie kichert. “Ich sehe mich aber schon als Berlinerin. Es steht ja auch im Pass. Als Geburtsort meine ich. Ich habe mich auch gar nicht wohlgefühlt, als wir weggezogen sind aus Berlin, aber meine Eltern wollten das so. Neuanfang in Süddeutschland, Selbstverwirklichung oder so. Da war ich gerade mal im Kindergarten, aber ich gehöre einfach nach Berlin, ja.“ Eine Haarsträhne fällt ihr ins Gesicht. Mit einer gekünstelten Geste streicht sie die Strähne hinters Ohr und legt den Kopf schief. Schlafzimmerblick.

Der Mann: “Ich wohne ja jetzt auch schon seit zwei Jahren in Berlin und langsam beginne ich mich heimisch zu fühlen. Du bist auch in Mitte?“

Sie nickt und nimmt einen Schluck von ihrem Getränk.

“Ich auch.“, sagt er.

Zwei junge Frauen laufen vorbei. Die eine eilt voraus, die andere kommt nicht hinterher. “Nancy.“, ruft die Langsamere. “Nancy.“

Der junge Mann und die junge Frau sehen sich an und lachen.

“Nancy.“, sagt die junge Frau verächtlich. Wieder Kichern. Die junge Frau kramt nach ihren Zigaretten, steckt sich eine in den Mund. Der junge Mann sucht hektisch nach seinem Feuerzeug, gibt ihr Feuer.

Die junge Frau räuspert sich. “Ja, ich habe ein schickes Apartment ergattern können.“, fährt sie fort.

Sie berichtet über das “schicke Apartment“.

“Du.“, sagt der junge Mann. “Ich kenne da so eine gute Bar mit den besten Cocktails der Stadt. Ein echter Geheimtipp. Wollen wir da am Wochenende einen Drink nehmen?“

“Gern.“, sagt die junge Frau und zieht an ihrer Zigarette. Sie grinst schief.

Apartment, denke ich? Drink nehmen? Wer redet so? Denken die beiden, dass sie die Hauptdarsteller eines Hollywood-B-Movies der 50er-Jahre sind und wir sitzen hier in einem Hollywoodstudio und nicht in einem Café in fucking Mitte? Und warum muss ich Statist in diesem aufgeblasene-Idioten-in-Mitte-Szenario sein? Die beiden sind wie zwei Neureiche, die sich bei einem Büffet auf den Kaviar stürzen und sich die Münder damit vollstopfen, während sie vom alten Geldadel leicht angewidert dabei beobachtet werden und man hinter vorgehaltener Hand über sie tuschelt. Ich weiß, wovon ich rede. Ich war mal bei einer Feierlichkeit nach einem Pferderennen in England (aber ich bin nicht neureich – oder reich- und stürzte mich auch nur auf den Champagner. Ich weiß gar nicht, ob es da Kaviar gab, aber peinliche Neureiche). Nancy, möchte ich rufen. Nancy, bitte, warte auch auf mich, sag ihnen, dass du in Berlin geboren wurdest und hier aufgwachsen bist, beeindrucke sie damit, Nancy, aber Nancy und die Langsame sind schon weg. Weit weg.