Diplomatisches Geschick

Es ist egal, wo ich mich aufhalte – ich mache überall eine gute Figur (und das auch, wenn ich mal ein bisschen zu viel Schokolade oder Kuchen esse und zunehme, riots, not diets) und das auf jedem gesellschaftlichem Parkett. Ich verfüge über außerordentliches diplomatisches Geschick gepaart mit einer großen Portion Bescheidenheit und Charme und ein Genie bin ich auch noch.

Da liegt es nahe, dass ich eine politische Karriere in Erwägung ziehe. Ich könnte wahrscheinlich gut bei Streitereien schlichten und für Frieden sorgen.

Dass ich dafür ein gewisses Talent habe, zeigen mir zum Beispiel folgende Begegnungen mit Menschen:

Eine keifige Frau, vermutlich aus Italien, redet auf zwei junge Frauen und einen jungen Mann, vermutlich aus Kroatien oder aus der Gegend, ein und möchte sie überreden, dass sie ihre Taschen auf den Schoss nehmen oder unter die Sitze schieben, damit die Frau vor ihnen mehr Platz hat und stehen kann. Die jungen Leute sagen, dass sie vor der Frau da waren, sie ihre Sachen nicht unter die Sitze quetschen möchten und sie woanders hingehen soll, wo mehr Platz ist. Da fängt die Frau an zu diskutieren. Eine der jungen Frauen diskutiert mit. Die andere junge Frau und der junge Mann sitzen eher etwas teilnahmslos da und wundern sich vermutlich ein bisschen über die Frau. Die junge Frau und die ältere Frau diskutieren sicher zehn Minuten oder noch mehr und wollen nicht damit aufhören. Ich habe mal wieder meinen Mp3-Player verloren und meine Begeisterung hält selbstverständlich sich in Grenzen. Die italienische Frau versucht die jungen Leute zu manipulieren und sagt: “Ich würde denken, dass kluge, gebildete Leute Platz machen und sich nicht streiten würden. Ihr seid doch kluge Leute?“ Da reicht es mir aber. “Macht das, was ich möchte und dann seid ihr klug“ ist ein billiger Versuch der Manipulation. So in etwa (na ja, vielleicht nicht ganz) wie: “Schatz, wenn du mich WIRKLICH liebst, dann turnen wir das nach, was ich in meinen Pornos gesehen habe. Ich bestehe auf doppelte anale Penetration ohne Gleitgel und ich würge dich danach eine Stunde. WENN DU DAS NICHT MITMACHST, LIEBST DU MICH NICHT.“

Da musste ich ja einschreiten und schlichten.

Ich sagte der Frau, dass sie ruhig sein soll. Sie sagte, dass ich mit meinen Freunden reden soll, damit sie für sie Platz machen. Ich sagte, dass das nicht meine Freunde wären und sie endlich ruhig sein soll. Sie wollen für sie keinen Platz machen. Da sagte die Frau zu mir: “Was mischst du dich überhaupt hier ein?“

Da sagte ich, diplomatisch, wie ich bin: “Jetzt halt aber mal die Klappe, du alte Schachtel.“

Und was geschah?

Sie sah mich nach Luft schnappend an, ein bisschen schockiert UND hielt die Klappe.

 

Das zweite Ereignis

Streundenekatze fährt mit dem Fernbus von München nach Berlin (nein, ich komme nicht aus München. Liebe Bayern, freut euch nicht zu früh). Ich als Proletarier fahre ja nicht wie ihr Bonzen mit der Bahn oder fliege sogar noch.

Es sind zwei Plätze hinter zwei Teenie-Mädchen frei, die ungefähr zwischen 15 bis 19 sind und vor zwei Jungs, die ungefähr zehn sind und deren zwei weiteren Freunde auf zwei Sitzen auf der anderen Seite neben den ersten zwei Jungs sitzen.
Ich habe mal wieder meinen Mp3-Player verloren und bin den Gesprächen meiner Mitmenschen ausgesetzt.
Ich überlege, ob ich mich hinter die Mädchen setzen soll und mir dann wahrscheinlich lange und laute Gespräche über das, was Jerome-Pascal bei Whatsapp geschrieben hat, anhören muss oder sie “snappen“ lautstark für Snapchat und kichern. Kichern stundenlang, ohne je mit dem Kichern aufzuhören. Ich kann mich nicht zu sehr über  Teenie-Mädchen im Bus auslassen, weil ich auch mal eines war. Immerhin hat eine Freundin von mir mal im Bus mit Deo und Feuerzeug herumgespielt und so getan, als würde sie einer Frau die Haare abfackeln und die Frau war eher nicht so begeistert darüber oder mit einer anderen Freundin habe ich mich immer in so einer Lautstärke unterhalten, dass man es vermutlich bis nach Nepal gehört hat. Oft ging es da um SMS, die sie von Jungs bekommen hat oder über Kiffen oder so etwas. Von daher kann ich kaum über Teenie-Mädchen lästern. Ich möchte aber auch nicht hinter, neben oder vor ihnen sitzen.

Die zwei Jungs und ihre Freunde spielten Spiele auf ihren Handys und unterhielten sich laut darüber.

Ich dachte, dass ich mir dann doch eher Gespräche über Handy- und Computer-Spiele anhören möchte als das Teenie-Mädchen-Gelaber.
Ich setzte mich vor die Jungs.
Es war eher ruhig im Bus. Man konnte die Mädchen ein bisschen hören und dann eben die Jungs. Sie waren unfassbar laut und sagten auch so Sachen wie: “Das ist gay“ oder “behindert“ und anderes obszönes Zeug. Einer der Jungen hieß Justus, einer Timon und einer Felix und dann gab es noch so weitere Schnösel-Namen. Es waren, sagen wir mal, eher Jungs, die auf einem Gymnasium sind und vielleicht so in der 5. Klasse. Ich musste mir eine ganze Weile ihre Sprüche anhören und es ist schon ein bisschen komisch, dass jemand, der Justus heißt so redet wie Haftbefehl.

Der Busfahrer und sein Assistent stellten sich über eine Mikrofon-Ansage vor.

Einer der Jungen fing laut an den Mann, der da sprach, nachzuäffen.

Da drehte ich mich um und ließ mal wieder mein diplomatisches Geschick aufblitzen und sagte:
“Jetzt haltet aber mal die Klappe.“
Die Jungs sahen mich, wie die Frau mit offenen Mündern an und sagten nicht. Sie verstimmten sogar.

Hätte ich so mit Haftbefehl Juniors im Bus geredet? Eher nicht.
Kann ich so mit Justus Juniors reden? Ja.
Ich bin nur froh darüber, dass keiner der Jungs seinen Vater angerufen hat. Da ist bestimmt mindestens ein Anwalt dabei.
Die Jungs hielten aber tatsächlich die Klappe und als die langsam wieder anfingen zu reden, waren sie um einiges weniger anstrengend.

Politik, ich komme (nein, Poppgeschichten-Googler, das ist nicht so gemeint, wie ihr das denkt seufz) vielleicht oder vielleicht auch nicht.

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