Verführerisch

1.

Auf dem Weg zum Supermarkt

Ich möchte die Straße überqueren. Zwei Teenie-Jungs, auf der anderen Straßenseite. Einer ruft: “Ey“. Ich beachte sie nicht. Sie rufen wieder. Ich sehe sie an. Ich bemerke, dass sie mich meinen. Verwirrt sehe ich sie an. Wie alt denken sie, dass ich bin? Sie sehen weg.

2.

Auf dem Weg zum Supermarkt

Ich laufe links auf dem Bordstein und sehe in ein Haus. Es brennt Licht und man kann gut hineinsehen. Die Einrichtung ist ein bisschen altmodisch, aber es sieht gut aus. Rechts auf der anderen Seite des Bordsteins läuft eine Gruppe männlicher Jugendlicher. “Südlandisch“ (und damit ist nicht Spanien, Italien etc. gemeint) Sie pfeifen und rufen irgendetwas wie “Ey Süße“. Ich beachte sie nicht weiter und gucke in das Haus beim Laufen. Es sind ja nur Jugendliche. Wieder rufen sie. Ich drehe mich verwirrt zu ihnen. Einer sagt: “Ey nee, guck mal wie die guckt, ey. Voll der Mongo.“ Es fällt mir auf, dass sie mich meinen.

3.

Auf dem Weg vom Supermarkt

Ich denke über irgendetwas nach wie immer (worüber Genies eben so nachdenken) und bin etwas zerstreut. Zwei Typen Mitte 30, Ende “südländisch“. Ich höre einen ein paar mal sagen: “Ey Süße, willst du mit mir eine Pizza essen?“ Verwirrt drehe ich mich zu den Typen. Die Typen tragen Plastiktaschen mit Pizzakartons in den Händen. Sie meinen mich. Ich drehe mich schnell weg. Der eine Typ sagt: “Ey, wie die guckt, Aller. Voll hässlisch, ey.“

Dass man selbst im “Gammel-Einkaufs-Look“ blöd angemacht wird, kann ja keiner wissen und dann soll ich auch noch verführerisch gucken und nicht verwirrt? Ich sollte vielleicht meinen verführerischen Einkaufsblick üben. “Oh, die Kartoffeln waren im Sonderangebot. Ich bin so glücklich.“ Kussmund und einmal durch die Haare fahren. “Ah, und wie gut, dass ich Schokolade gekauft habe. Mh, lecker.“ Über die Lippen lecken. “Ah, da ist ja meine Gurke.“ Und an der Gurke entlang streichen und stöhnen und rufen: “Ich möchte sofort angemacht werden“.

Idioten. Kann man als Frau nicht mal einen Tag nicht dumm angemacht werden?
Ich hatte mir Öl in meine Haare gemacht (weil sie so trocken sind) und meine Haare sahen fettig aus, ich trage zum Einkaufen alte Kleidung und man könnte meinen, ich hätte unter einer Brücke geschlafen und selbst dann meinen dumme Typen einen anmachen zu müssen.
Ich darf nur noch Musik hören. Da hört man dann das nicht, aber dann werden sie wahrscheinlich sauer, weil: “Ey, die ignoriert misch, Aller.“

Ich höre nie Radio, aber heute Abend mal und passenderweise kommt von den Ärzten “Männer sind Schweine.“

“Icke“ kommt in den Duden, haben sie im Radio gesagt.

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Jakob Augstein verfolgt mich in Burka verkleidet

Samstag

In einem Bio-Supermarkt in Friedrichshain.

Ein kleiner Junge, etwa drei, wird von seinen Eltern gerufen. Er heißt Jakob/Jacob Er ist laut. Er ist ungefähr drei oder vier. Eher vier, weil er schon so gut spricht. Der kleine Junge sagt mehrmals zu seinen Eltern (Eltern, Typ “coole“ Friedrichshain-Eltern, aber immer noch besser als Prenzlauerberg-Schwaben-Eltern): “Ihr seid blöd.“ Die Mutter sagt nur leise: “Jakob.“ als “Tadel“. Der Junge wirft Sachen in den Wagen der Eltern, die er haben möchte. Eltern sind apathisch.

Ich komme mir vor wie die Supernanny. Wollen Sie ihrem Kind nicht mal ein paar Manieren beibringen? Wollen sie den auf andere Kinder loslassen, wenn er in die Schule kommt und was ist, wenn er erwachsen ist? Soll er sich daran gewöhnen, dass er immer sagen darf, was er möchte und bekommt, was er möchte?
Vielleicht hatten die Eltern ja einen stressigen Tag, aber sie sollten vielleicht mal ein paar Erziehungsratgeber lesen.

Aus dem Bio-Supermarkt heraus (es gab nichts zum Kostenlos probieren für mich Proletarier) und nur 100 Meter weiter meckert ein weiterer Jacob herum.

Ein dritter Junge auf einem Roller mit einem riesigen, gestreiftem Lutscher kommt mir mit (vermutlich) seinem Vater entgegen. Beide wirken für Friedrichshain nett und nicht anstrengend und der Vater sogar ein bisschen cool. Am liebsten würde ich sie fragen, wo sie hingehen und den Vater fragen, ob er mir auch so einen Lolli kaufen könnte und sagen, dass ich den Nachmittag mit ihnen verbringen möchte.

Später finde ich (in meinem Bezirk) ein Buch kostenlos zum Mitnehmen vor einem Buchladen (ich nehme es nicht mit) neben einer Schwulenbar. Es heißt Mutmaßungen über Jakob.

Picture

Und den ganzen Tag läuft mir Jakob Augstein in Burka verkleidet hinterher.

Nicht ganz.

Jakob Augstein, der “kluge“, “linke“ “Denker“, Beruf Sohn und “Journalist“ hat schon einige “intelligente“ Dinge gesagt. Meine “Lieblings“-Aussagen von diesem großen, Allwissenden der regressiven Linken war selbstverständlich, dass er nach Köln HBF 2015/16 gesagt hat, dass er keine Angst vor “grabscheneden Ausländern“ hätte und die Frauen sich mal nicht so anstellen sollen. Es ist immer wieder schön, wenn Männer, und dazu noch wohlhabende, die nicht darauf angewiesen sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, Frauen erklären wollen, wie sie sich zu fühlen haben. Sollte ich diesen dummen Wichser mal treffen, hätte ich ein großes Verlangen ihm mal in seinen kleinen Jakob plus Testikel zu treten und dann zu sagen, dass er sich mal nicht so anstellen soll. Mich als Frau stört das gar nicht. Was der dumme Jakob aber auch noch gesagt hat, ist, dass er nie Frauen in Burkas sieht. In seinem Nobel-Viertel wohnen vermutlich nur reiche Deutsche und in Berlin kennt er auch nur die Berliner “Journalisten“-Szene. Eine Blase eingebildeter, weltfremder Idioten, die denken, weil sie von Bielefeld oder Stuttgart nach Berlin gezogen sind, sie die geistige Elite Deutschlands sind. Zadie Smith hat in einem älterem Interview gesagt, dass man nichts von Journalisten lesen soll, weil man sich damit den guten “Lese-Appetit“ verdirbt und man sollte nur richtige Autoren lesen, keine Kolumnen oder “Meinungen“ von Journalisten. Daran halte ich mich seither und bekomme nicht mit, was “Journalisten“ in Deutschland erzählen. (Es gibt aber auch kluge Journalisten in Deutschland und im Ausland sowieso. Es ging auch nicht um Journalisten des Politkteils.). Aber wegen der Burkas wurde ich wieder an deutsche “Journalisten“ erinnert und ich “hate-reade“ nicht mal mehr, was sie schreiben.

Ich habe am Samstag gleich mehrere Frauen mit Burka gesehen und musste immer an Jakob Augstein denken. ICH MÖCHTE NICHT AN JAKOB AUGSTEIN DENKEN.

Die erste Frau mit Burka tat mir ein bisschen leid. Sie trug sogar schwarze Handschuhe und hat nur ihre Augen gezeigt. Die Leute haben über sie getuschelt und ein Mann sagte laut zu einer Frau: “Die hat ja nur noch einen Schlitz.“ Ein anderer Mann sagte zu einer Frau: “Du kannst auch nicht in Hotpants nach Saudi-Arabien.“ Andere tuschelten weiter. Man braucht vielleicht schon mehr Eier in der Hose als Jakob Augstein, um in Burka herumzulaufen. Später wurde einer anderen Frau in Burka nachgesehen. Die anderen sah ich in einer Gegend, in der viele Moslems wohnen und sie fielen nicht so auf (auch wenn sie nicht so viele waren und die Frauen eher nur Kopftuch tragen oder nichts. Nichts auf dem Kopf. Selbverständlich tragen sie Kleidung, ihr Lustmolche).

Diese Frauen wollen oder denken, dass sie wollen, eine Burka tragen und manche wollen es vielleicht nicht, aber müssen und werden von ihrer Familie gezwungen und ausgestoßen, wenn sie es nicht tragen wollen. Das ist nicht so einfach.

Alles was ich will ist nichts mit euch zu tun haben

Ich möchte auf diesem Blog nicht unbedingt Stellung zu aktuellen Ereignissen nehmen wie Köln Hbf etc., weil ich nichts mit Schlands Medienwelt zu tun haben möchte. Das ist sonst zu ärgerlich. Ich lese sogar nur noch internationale Presse, weil ich das Gefühl habe, dass da etwas weniger weltfremde Journalisten schreiben. Oder am besten liest man nur noch die Meldungen der Presseagenturen oder gewöhnt sich das Nachrichtenlesen ganz ab und zieht in eine einsame Waldhütte nach Sibirien.

(Es gibt auch Zeitungen, die nicht völlig schrecklich wie die Süddeutsche, aber ich meide die mittlerweile auch, damit sie mich nicht auch noch enttäuschen. Man weiß ja nie.)

Man kann nicht zu allem schweigen und insbesondere die Übergriffe in Köln und in anderen Städten machen vielen (nicht allen) Mädchen und Frauen Angst. Von bekannten Netzfeministinnen kommt dazu ja nicht mehr als “Das war schon immer so, dass Frauen belästigt werden. Da kann man nichts machen.“ oder “Man soll keine Angst haben.“ Man. Solche Aussagen kommen auch gerne von Politikern oder Journalisten – die wohlhabenden, taxifahrenden Berlin-Mitte-zugezogen Experten, die nicht darauf angewiesen sind mit Bus und Bahn zu fahren und sich nicht in “No go areas“ “herumtreiben müssen“ wie zum Beispiel wir vom “Pöbel“, die wir da auch mal wohnen und nicht ganz Berlin und Hamburg durchgentrifiziert haben. Journalisten scheinen in Deutschland ohnehin nicht so viel von Information zu halten und beschränken sich auf Meinungsmache. “Dichter und Denker“ gibt’s schon lange nicht mehr und erst recht keine Philosophen. Es gibt nur noch Brüllaffen mit Meinungen, die auch gerne mal einen Buchvertrag angeboten bekommen, damit noch ein langweiliges Buch (Sachbuch oder Roman) in deutschen Mainstream-Buchhandlungen für die unkritischen Massen bereitsteht. Anti-Intellektualismus durch und durch.

Die Schauspielerin

Die Schauspielerin

Ich habe mich mit einer unterhalten, vielleicht Ende 20, Anfang 30, ganz hübsch, sah ein bisschen zerbrechlich aus, bei einem Bekannten zuhause. Sie wollte den Wg-Mitbewohner des Bekannten besuchen, der noch nicht zuhause war und sie wartete auf ihn im Wohnzimmer. Während wir redeten, hat sie immer wieder auf ihr Handy gesehen. Sie ist Schauspielerin und Künstlerin und schreibt manchmal für Magazine. Ich habe aber nicht gefragt, ob Film oder Theater und was für Kunst sie denn macht oder welche Magazine das sind. Sie ist klein, blond und hat ganz große Augen.

Sie hat mir erzählt, dass sie regelmäßig in Ausstellungen geht, ins Kino, Theater, zu Auftritten von Performance-Künstlern, Filmpremieren, Fashion Week etc. Sie kennt die Namen von Modefotografen, Mode-Designern, das heißt, welcher Chefdesigner in welchem Modehaus arbeitet, sie kannte sogar die Namen von Stylisten. Sie liest dutzende von internationalen Magazinen, liest Bücher, die Leute lesen, die “cool“ und “up to date“ sind. So etwas wie Donna Tartt und natürlich keine aktuellen von Deutschen geschriebenen Bücher, denn da gibt es ja so gut wie nie etwas Gutes. Sie geht in Bars, die ich nicht kenne in Bezirken, in welchen ich mich so gut wie nie aufhalte wie Charlottenburg. Sie weiß in welcher Stadt momentan welche Ausstellung stattfindet, die sie interessieren würde. Welche Theaterinszenierung und welcher Theaterintendant und wie sie selbst ein Stück umsetzen würde. Welcher Schauspieler die blondierteste Freundin hat was sie sich in der Feinschmecker-Etage im KaDeWe kauft. Sie erzählte, dass sie sich bei großen Designern gerne Accessoires kauft wie zum Beispiel einen Hut oder Schal oder “außergewöhnliche Stücke“. Sie nannte Kleidungstücke Stück oder Teil, aber immer im Singular. Außergewöhnliches war dann so etwas wie ein pastellfarbenes Kleid mit einem besonderen Kragen aus einem Stoff, den sie nannte, aber ich den Namen schon vergaß, kurz nachdem sie ihn ausgesprochen hatte. Sie hat von Reisen nach New York und Asien erzählt und von ihrem Ex-Freund und über einen anderen. Dann ging es ganz viel um ihren Ex-Freund und dass sie sich so einsam fühlt und nicht allein sein kann und was es für eine große Überwindung für sie war, alleine für einen Auftrag ins Ausland fahren zu müssen und sie kannte dort niemand und wie schwer es für sie war, als sie keine Internet-Verbindung hatte und niemand etwas von ihrer Reise erzählen konnte. Sie sah immer wieder auf ihr Handy und antwortete ihren Bekannten oder machte ein “Selfie“ für Instagram. Endlich, der WG-Mitbewohner meines Bekannten hatte geschrieben und würde gleich da sein.

Als er eintraf, sah sie ihn mit ihren großen Augen wie ein Hund an. Der Mitbewohner ist nicht der Ex-Freund, er ist ein anderer, aber man hat ihr angesehen, dass sie vielleicht zumindest ein bisschen verliebt in den Mitbewohner ist. Ich hätte ihr am liebsten gesagt, dass sie lernen sollte allein zu sein und sich nicht von Menschen abhängig machen sollte und es sogar Bücher und Gedichte über “Solitude“ gibt und man das auch genießen kann – insbesondere auf Reisen, aber der Mitbewohner war jetzt da und auch mein Bekannter unterhielt sich mit der Schauspielerin und dem Mitbewohner und sie und der Mitbewohner hatten es eilig und gingen aus der Wohnung.

König Alkohol

2e

Am späten Abend, wenn es ruhiger in den Städten wird, sind die Alkoholiker unterwegs.

Ein Mann im Kaiser’s am Kotti steht vor den alkoholischen Getränken und sagt: “Scheiß-Gesöff.“
Er geht zum nächsten Regal und sagt: “Scheiß-Gesöff. Scheiß-Gesöff. Scheiß-Gesöff. Scheiß-Gesöff. Scheiß-Gesöff.“

Ein Mann sitzt vor einem Späti und döst im Sitzen. Der Besitzer des Ladens kommt raus und sagt: “Allet klar, Meister? Komm doch rein?“

Mit Schorschi in der Pinte

Junge, Junge, bin ich verkatert. Ich war gestern noch mit meinem Kumpel Schorschi in der Pinte in Schöneweide einen heben mit unseren Skatbrüdern. Schorschi trug wie immer seine alte Uniform. Er hat’s natürlich mal wieder übertrieben mit dem Gesaufe und war voll wie eine Haubitze. Hat die ganze Zeit nur gelallt und von der Bundeswehr geredet. Ich kann diese ganzen Angebergeschichten echt nicht mehr hören, aber wir sind Skatbrüder und da verzeihe ich ihm seine Macken. Wenn er aber noch einmal erzählt, wie er sich das Ohr mit der Schrotflinte bei einer Mutprobe abgeschossen hat und selbst wieder drangenäht hat, während er auf einem Bullen ritt, dann reicht’s mir und dieses Mal wirklich. Das ist nur mit ordentlich viel Schnaps zu ertragen. Weiter im Text. Die Pinte füllte sich so langsam und es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Da steppte echt der Bär in Berlin und so. Schorschi versucht sich auf einen Barhocker zu setzen und fällt erst mal runter, öffnet seine Hose und pinkelt vor versammelter Mannschaft auf den Boden. Der Wirt sieht ihn mit offenem Mund an. Das war vielleicht peinlich. Da kommen so ein paar Typen auf ihn zu und sagen: “Ey, was machst du da?“ Schorschi guckt zu ihnen auf und sagt: “Pissen, Alter.“ “Das geht so nicht.“, sagt einer. “Geh aufs Klo, du Asi.“ Sie haben Glatzen und Tattoos. Schorschi mustert die Männer. “Was wollt ihr denn von mir? Wir müssen zusammenhalten.“. sagt er. Die Männer sehen ihn verwirrt an. “Wer ist wir?“, sagt einer. “Wir“, wiederholt Schorschi. Etwas Sabber läuft ihm aus dem Mund. Er steht auf, versucht im Stechschritt zu laufen, fällt auf den Hosenboden und bekommt Schluckauf. “AfD find ich voll okay. Hicks.“, lallt er. Er pinkelt wieder. “Jetzt reicht’s aber mal.“, brüllt einer der Männer und packt ihm an Kragen. “Ich bin bei der AfD. Ich bin auf eurer Seite.“, lallt Schorschi. “Hä? AfD?“ Die Männer werden sauer und wollen ihn verprügeln. Der doofe Schorschi hat Rocker von einem Motorradclub mit Nazis verwechselt. Ich schäme mich ein bisschen für ihn, aber das ist ja nichts Neues bei Schorschi, diesem Draufgänger. Die Rocker mischen ihn ordentlich auf. Einer schnappt sich seinen Geldbeutel und holt seinen Personalausweis heraus. “Georg Pazderski“ liest er laut vor. “Das soll ein deutscher Name sein?“ Die Männer lachen. Schorschi hat auch noch ein Bild von Jane Fonda in Aerobic-Montur. Die Männer raunen wegen Ms Fonda und werfen Schorschi dann an die Zimmerlampe. Er hängt mit seinen Hosenträgern dran. Schorschi stimmt zu einem Bundeswehrlied an. Ich bestelle mir noch ’n Schnaps.

Stop trying to make fetch happen

Es gab eine Zeit in Berlin (und Deutschland), in der es viele “Jungschauspieler“ gab. Robert Stadlober, Tom Schilling, Jessica Schwarz, Daniel Brühl, Jana Pallaske, Karoline Herfurth, Matthias Schweighöfer, Heike Makatsch, Anna Maria Mühe, Franka Potente, August Diehl, Tobias Schenke, Karoline Herfurth, Julia Hummer, Felicitas Woll, Florian Lukas, Ken Duken, Diana Amft, Moritz Bleibtreu, Barnaby Metschurat, Jürgen Vogel und so weiter und das waren “deutsche Filmstars“ und der deutsche Film war nicht so Til-Schweiger-macht-viele-langweilige-Filme und alle-sind-in-Elyas M’Barek-verliebt- lastig.

Ich möchte, dass Schauspieler wieder Stars sind und “cool“ und auf eine “urbane Art“ glamourös. Das hat Berlin auch so viel cooler gemacht.

Die langweiligen deutschen Medien wollen seit einiger Zeit langweilige Journalisten (oder langweilige Buchautoren und Buchautorinnen und Blogger) cool machen, sie wollen langweilige Journalisten zur “geistigen Elite Deutschlands“ erklären (Erfolgsmethode: Wer am lautesten brüllt, wird am besten gehört.), aber ich falle nicht auf euer hohles Gerede herein. Das ist wie bei “Mean Girls“: Stop trying to make fetch happen.

(Auch da gibt es natürlich Ausnahmen und nicht alle sind “Langweiler“.)

Ich möchte wieder schöne und coole Schauspieler haben und die langweiligen “Kultur“- Journalisten sollen ihre langweiligen Artikelchen schreiben und das war’s. Wir haben auch mehr als genug langweilige Bücher von Journalisten (die nach Berlin gezogen sind. Gähn gähn).

Wir brauchen Schauspieler für die Nonchalance und Schönheit und Philosophen und Denker, damit diese Zeit der Anti-Intellektualität und des Shitstorm-“Journalismus“ endlich aufhört. Wir brauchen keine Phrasendrescher und peinlichen Langweiler. (Schöne Philosophen und nicht so schöne Schauspieler – das ist relativ. Jeder ist auf eine Art schön und hässlich- geht natürlich auch.)

Ich möchte in eine Bar gehen und ein schöner, stilvoll gekleideter (aber nicht stilvoll bemühter) Robert-Stadlober-Verschnitt bekannt aus einem deutschem “Indie-Film“ fragt mich nach einer Zigarette und ich sage scherzhaft: “Verdienst du nicht genug beim Film?“ und er lacht und es ist Sommer und es ist eine Bar wie die Bar25 und Berlin ist wieder “cool“ und es sind nicht alle nach Leipzig oder ins Ausland oder aufs Land gezogen, weil in Berlin “rien ne va plus“.

Straßenkatze zu Besuch in Mitte

Ich bin leider in Mitte. Natürlich kenne ich mich hier, in diesem Höllenschlund, nicht aus – ich trinke einen Kirsch-Maracuja (oder was auch immer)-Saft für an die 5 Euro, sitze draußen in einem Café in der Sonne und benutze das Wlan. Die Sonne scheint selbst über Mitte. Wer hätte das gedacht.

Eine junge Frau: “Ja, also eigentlich bin ich ja in Berlin geboren.“ Pause. Das muss man wohl erst mal sacken lassen. Ein junger Mann sieht sie begeistert an: “Echt?“, sagt er.

Sie, stolz: “Ja. Es ist halt nur so, dass voll viele in Berlin in Berlin geboren sind. Dann ist da ja auch nichts Besonderes mehr dran, wenn das so viele sind. Etwas ist ja nur speziell, wenn es nicht auf viele zutrifft.“ Wieder Pause. Sie denkt, dass sie etwas Kluges gesagt hat und auch das muss man erst mal sacken lassen. Der Mann sieht sie wieder begeistert an. Er legt den Kopf schief, denkt nach, lächelt. Na sowas. In Berlin geboren? Und dann noch so klug? Sagt so kluge Worte? Er sieht wirklich restlos begeistert aus.

“Damit kann ich nur Leute beeindrucken, die nicht in Berlin geboren worden sind.“, sagt die junge Frau. “Ich meine, ich habe ja auch über 20 Jahre nicht in Berlin gewohnt.“ Sie kichert. “Ich sehe mich aber schon als Berlinerin. Es steht ja auch im Pass. Als Geburtsort meine ich. Ich habe mich auch gar nicht wohlgefühlt, als wir weggezogen sind aus Berlin, aber meine Eltern wollten das so. Neuanfang in Süddeutschland, Selbstverwirklichung oder so. Da war ich gerade mal im Kindergarten, aber ich gehöre einfach nach Berlin, ja.“ Eine Haarsträhne fällt ihr ins Gesicht. Mit einer gekünstelten Geste streicht sie die Strähne hinters Ohr und legt den Kopf schief. Schlafzimmerblick.

Der Mann: “Ich wohne ja jetzt auch schon seit zwei Jahren in Berlin und langsam beginne ich mich heimisch zu fühlen. Du bist auch in Mitte?“

Sie nickt und nimmt einen Schluck von ihrem Getränk.

“Ich auch.“, sagt er.

Zwei junge Frauen laufen vorbei. Die eine eilt voraus, die andere kommt nicht hinterher. “Nancy.“, ruft die Langsamere. “Nancy.“

Der junge Mann und die junge Frau sehen sich an und lachen.

“Nancy.“, sagt die junge Frau verächtlich. Wieder Kichern. Die junge Frau kramt nach ihren Zigaretten, steckt sich eine in den Mund. Der junge Mann sucht hektisch nach seinem Feuerzeug, gibt ihr Feuer.

Die junge Frau räuspert sich. “Ja, ich habe ein schickes Apartment ergattern können.“, fährt sie fort.

Sie berichtet über das “schicke Apartment“.

“Du.“, sagt der junge Mann. “Ich kenne da so eine gute Bar mit den besten Cocktails der Stadt. Ein echter Geheimtipp. Wollen wir da am Wochenende einen Drink nehmen?“

“Gern.“, sagt die junge Frau und zieht an ihrer Zigarette. Sie grinst schief.

Apartment, denke ich? Drink nehmen? Wer redet so? Denken die beiden, dass sie die Hauptdarsteller eines Hollywood-B-Movies der 50er-Jahre sind und wir sitzen hier in einem Hollywoodstudio und nicht in einem Café in fucking Mitte? Und warum muss ich Statist in diesem aufgeblasene-Idioten-in-Mitte-Szenario sein? Die beiden sind wie zwei Neureiche, die sich bei einem Büffet auf den Kaviar stürzen und sich die Münder damit vollstopfen, während sie vom alten Geldadel leicht angewidert dabei beobachtet werden und man hinter vorgehaltener Hand über sie tuschelt. Ich weiß, wovon ich rede. Ich war mal bei einer Feierlichkeit nach einem Pferderennen in England (aber ich bin nicht neureich – oder reich- und stürzte mich auch nur auf den Champagner. Ich weiß gar nicht, ob es da Kaviar gab, aber peinliche Neureiche). Nancy, möchte ich rufen. Nancy, bitte, warte auch auf mich, sag ihnen, dass du in Berlin geboren wurdest und hier aufgwachsen bist, beeindrucke sie damit, Nancy, aber Nancy und die Langsame sind schon weg. Weit weg.

Berlin, Berlin

Man sagt Parisern eine gewisse Arroganz nach, aber ich muss sagen, dass für mich die unfreundlichsten, arrogantesten Menschen (nun mal leider) die Berlin-Zugezogenen sind. Deshalb habe ich auch so gut wie nur ausländische Freunde (Österreicher in Berlin sind aber auch oft ein bisschen arrogant, weil BERLIN wow) oder “echte Berliner“ in Berlin, die in Berlin geboren und aufgewachsen sind (oder nur aufgewachsen).

Wenn ich mich mal doch mit so einem arroganten “Zugezogenen“ unterhalte (selten und natürlich gibt es  auch ganz viele nette) oder etwas über solche Menschen lese/sehe, werde ich immer so ein bisschen aggressiv. (Unterschwellig). Mag man das St.Oberholz oder nicht, mag man das Berghain oder nicht. Wo gibt es den besten Brunch? Mode? Gähn? Wen soll das interessieren? Diese Wichtigtuer denken: “ICH wohne in Berlin. ICH habe es geschafft. Ich bin jemand.“ Ich mag Angeber und Wichtigtuer einfach nicht. Man sollte (könnte) arrogant sein, wenn man die Welt verbessert – nicht weil man in einer Altbauwohnung wohnt oder weil man weiß, wo es den besten Latte Macchiato oder Avodaco-Toast gibt oder weil man 5000 Follower bei Twitter hat.

Falls aber mal jemand etwas sagen möchte, wie wäre es mit

“Ja, das stimmt, ich wohne nicht in Berlin. Ich habe es mal kurz probiert, aber wie sagt man auf Deutsch, ich brauche, hm, eine “bohemian atmosphere“ und die fehlt mir in Berlin. Weißt du, dieses Kleingeistige, Weltfremde. Ich konnte mich einfach nicht richtig entfalten hier. Die Tristesse, Provinzler überall. Oh, ich meine natürlich nicht dich. Nicht zwingend. Ha ha ha ha ha. Hm, ja, ich wohne in Stockholm. Ich mag dieses, hm, Skandinavische. Stockholm ist eine kleine Stadt, aber der Lebensstandard und das Wesen der Menschen- man kann es einfach nicht mit ‚dem Deutschen‘ vergleichen, weißt du, der Deutsche ist für mich, hm, der ewige Tölpel ohne Geschmack und Kultur ha ha ha. Das schließt natürlich alle Migranten ein. So viele Länder in der Welt und man zieht nach Deutschland ha ha ha. Da kann doch was nicht stimmen, du weißt, im Oberstübchen ha ha ha. Na, Stockholm ist ganz nett. Natur, Kultur und die Menschen haben, einen, na, wie soll ich das einem Deutschen erklären? Ein Gespür, ich sage mal, für, hm, Mode? Jetzt wo ich in Stockholm wohne, fällt mir das wirklich auf ha ha ha. Deutschland ha ha ha. Man kopiert ja nur alles in Berlin aus anderen Städten, du weißt schon, von Metropolen, und das aber auch erst fünf Jahre später ha ha ha. Was hast du denn da eigentlich an? Interessant. Na ja, jeder nach seiner Fasson. Das erinnert mich ein bisschen an den alten Teppich in einem kirgisischem Kloster, wo ich bei einem Schweige-Retreat war, hm, oder war es die Tapete? Ich weiß es nicht mehr, hm, weißt du, ich reise so viel. Ich bin immer unterwegs. Ich bin ein Kosmopolit, ein Weltenbürger. Ich bin eigentlich nur für heute Abend in Berlin. Ich fliege dann weiter nach Tokio und danach nach Moskau. Ich war eine Woche in Island und dachte mir: Warum fliege ich nicht über Berlin nach Tokio und sehe mal, ob Berlin immer noch so, ha ha ha, ist wie es war, als ich hier wohnte. Du weißt schon, wie sagt man, uninspirierend ha ha ha? Ich muss zugeben, dass ich einen kleinen Schwips hatte, als ich den Flug buchte. Hier ändert sich ja wirklich nie was, aber weißt du, wer das Träumen aufgibt- das ist doch irgendwie traurig. Wo war ich stehen geblieben? Hm, ach ja, richtig, Island. Einer meiner Freunde ist ein berühmter, wenn nicht der, berühmteste Philosoph Islands. Ich würde dir ja gerne seinen Namen sagen, aber ich denke nicht, dass er möchte, dass sich sein Genie in Deutschland herumspricht. Er und ich sind zu einer Ausstellung eines Freundes gefahren, der die kleinste Kunstgalerie Islands 50 km von Reykjavík entfernt, eröffnet hatte. Die Galerie war aber nur kurz geöffnet, weil das wirklich nur für einen exklusiven Kreis gedacht war. Ich sagte so zu Marina Abramovic, “Marina“, sagte ich, “ich mag dein Outfit und deine Weltgewandtheit. Ich muss mich daran ergötzen, stell dir vor, morgen fliege ich nach Berlin zu diesen Primaten ha ha ha, wo ich all das hier schrecklich missen werde ha ha ha.“ Ich ging rüber zu Beyoncé und erzählte ihr, dass ich nach Berlin fliege ha ha ha und sie fing an zu weinen. Die Ärmste. Die Galerie hat mittlerweile wieder geschlossen. Das war kein Langzeitprojekt. Du bist ja bestimmt Journalist bei einem Käseblatt wie der Zeit, der Kulturteil der Zeit oder so ha ha ha. Du brauchst dir das alles nicht für einen Artikel aufschreiben. Deine Deutschtümmelei widert mich schon ein bisschen an ha ha ha, wenn ich das so sagen darf. Ah, warte kurz, bitte. Du hast doch Zeit zum Warten, ich meine, was hast du schon vor ha ha ha? Ich habe eine SMS bekommen. Niemand in den USA benutzt Whatsapp wie hier der deutsche Pöbel ha ha ha. Es ist mein Verlobter aus New York. Er ist Kunstkurator im MoMa. Nein, du Dummerchen, ich meine nicht das ARD und ZDF-Morgenmagazin, bevor du fragst ha ha ha. Das ist ein Museum. Ich weiß noch nicht, ob ich zu ihm nach New York ziehe. Ich denke, dass wir nach London ziehen werden. Ich würde aber auch gerne nach Paris. Ich arbeite in London, weißt du, aber wohne in Stockholm. Mein Schatz sitzt in einem Hubschrauber und fliegt über Manhattan. Bist du schon mal über Manhattan in einem Hubschrauber geflogen? Das hat doch jeder schon mal gemacht. Na ja, bis auf Leute aus Berlin vielleicht ha ha ha. Provinznest bleibt eben Provinznest. Berlin hat einfach keinen Glamour. Hm, ich überlege mir gerade, ob ich nicht für eine Stunde nach Rom fliege. Ich verspüre plötzlich so eine Sehnsucht nach Schönheit und Kultur. Berlin fühlt sich an wie Krätze? Cholera? Oder so? Ich fühle mich kulturell beraubt, verstehst du ha ha ha? Meine Kreativität ist hin? Weißt du? Nein, was erzähle ich denn da? Natürlich nicht. Du wohnst ja in Berlin. Ich als Kosmpolit fühle mich hier irgendwie beleidigt? Es ist nicht die Stadt, es sind die Menschen ha ha ha. Wie sagt man in Italien: Die Deutschen haben keine Kultur. Das haben auch schon die alten Römer gesagt. Die nannten die Deutschen Barbaren ha ha ha. Ich buche mir mal einen Flug nach Rom. War schön mit dir zu plaudern.“

 

Arrogante Menschen mit noch viel größerer Arroganz vergraulen. Ich mag zwar Berlin, aber man darf arrogante Menschen ein bisschen ärgern. Es wäre mir aber vermutlich selbst zu viel Aufwand.